Resümee

Einen Monat ist es nun her, dass wir zusammen gegen die „Lüneburger Line“ auf die Straße gegangen sind.  Wir möchten uns vorrangig bei den 350 Demonstrant*innen und natürlich auch allen nicht  anwesenden Unterstützer*innen bedanken, die sich dem Ruhebedürfnis  vieler Lüneburger*innen sowie der tradierten Kultur des Vergessens und der Relativierung von NS-Verbrechen entgegenstellt haben. Angesichts des Ablaufs und der Größe der Demonstration sind wir durchaus geneigt, den Protest als Erfolg zu verbuchen. Und auch die Resonanz von Teilnehmer*innen hat uns in diesem Anliegen bekräftigt. So hat die Demonstration Lüneburg zwar nicht zu einem angenehmeren Ort gemacht, zumindest aber hat sie einen kritischen Stachel gesetzt, einen Moment der Verweigerung gegen die „Lüneburger Line“ geschaffen. Wir hoffen, dass diese Kritik nicht so bald abbricht und sind dementsprechend über die Interventionen erfreut, die sich noch im Nachfeld der Demonstration ereignet haben.
Geradezu fassungslos sind wir dagegen über den allgemeinen Tonus der nachfolgenden und wirklich düftigen medialen Berichterstattung (NDR, Landeszeitung Lüneburg), die das Anliegen eines kritisch-unversöhnlichen Erinnerns als bloß beliebige Meinung oder sogar als Akt lästiger Unreife dem abgeklärten städtischen Selbstverständnis gegenüber diffamiert.
Besonders aufschlussreich für den unsagbar ignoranten Meinungsrelativismus, den Lüneburg kennzeichnet, ist der am 17.05.18 in der Landeszeitung erschienene Artikel über die angestrebte erinnerungspolitische Aussöhnung des Prof. Werner Preuß. Preuß, Mit-Initiator des sogenannten „Friedenspfades“ und für dieses antiaufklärerische Engagement 2014 zum „Ehrenbürger“ der Stadt Lüneburg ernannt – fühlt sich durch den seit Monaten schwelenden Streit über die Deutungshoheit der Geschichte „angegriffen“. Die Soldaten der 110. Infanterie Division bezeichnet er als „Täter-Opfer“, denen gemeinsam mit den von ihnen Ermordeten gedacht gehöre. In diesem Kontext wirkt  Preuß‘ Forderung den Blick auf vergangene Verbrechen von Deutschland abzuwenden, um auch die „Vergehen in anderen Ländern“ während der NS-Zeit ins Auge zu fassen geradzu zynisch. Denn dass diese, in seinen Augen scheinbar genau so drastischen, Vergehen ohne Deutschland mit seiner menschenverachtenden Ideologie und Expansionspolitik niemals stattgefunden hätten, wird nicht erwähnt. Abgesehen davon, dass einer Person, die solchen blinden Versöhnungswahn an den Tag legt in Lüneburg große Expertise im Umgang mit Erinnerungskultur zugesprochen wird und möglicherweise auch in das ominöse städtische Symposium zu diesem Thema im Herbst eingebunden ist, spricht es wiedereinmal schwarz auf weiß für die Lüneburger Verhältnisse, dass der LZ-Artikel Preuß‘ „Blickwinkel“  als einen von vielen zu würdigen weiß, welcher „für Opfer schwer zu ertragen sein dürfte“ aber ganz treu der Lüneburger Linie „seine Berechtigung“ habe. 
 
Dass heutzutage angefeindet wird, wer die außerordentliche, widerliche Unmenschlichkeit nationalsozialistischer Vebrechen als solche geltend zu machen und offen zu halten versucht, ist Ausdruck des geschichtsvergessen(d)en Relativismus, die sich durch solch unsagbar reaktionäre Zeitungsartikel tradiert.
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Filmvorführung: „Triumph des guten Willens“ (2016)

Am 05.04.2018 um 19 Uhr zeigen wir im Hörsaal 5 an der Leuphana Universität den Film „Triumph des guten Willens“ (2016)  von Gegenfeuer Produktionen. Der Film, der als Teil der Reihe „Wie erinnern?“ entstand, setzt sich filmisch mit den Texten des Publizisten Eike Geisel (1945-1997) auseinander.

Geisel, der in den 1980er und 1990er Jahren mit seinen Texten scharfe Kritik an der deutschen Erinnerungskultur übte, entlarvte die ab den 80er Jahren bundesweit einsetzende „betonierte Aufarbeitung“  als Entwicklung zu einer eigentlich unmöglichen Normalität, die er als „Wiedergutwerdung der Deutschen“ bezeichnete. Gemeinsam mit Wolfgang Pohrt hatte er ab 1975 eine Assistenzstelle an der Pädagogischen Hochschule Lüneburg inne „auf Betreiben der Exil-Frankfurter Hermann Schweppenhäuser und Günther Mensching“ (Pohrt).

Der Film zeigt im Rahmen zahlreicher Interviews mit Weggefährten Geisels ein Bild der erinnerungspolitischen Debatten der letzten Jahrzehnte.

Der Regisseur Mikko Linnemann wird zu Gast sein und für eine anschließende Diskussion zur Verfügung stehen.

Wir freuen uns auf zahlreiche Besucher*innen!

Triumph des Guten Willen