Stellungnahme

Zu Beginn des Jahres eröffnete sich in Lüneburg eine Debatte um ein Ehrenmal der 110. Infanterie-Division, welche ihren Ursprung an geschichtsrevisionistischen Aussagen des Bürgermeisters Dr. Gerhard Scharf nahm. Der weitere Umgang der Stadt und die nicht erfolgte Abwahl Scharfs enthüllen ein weiteres Mal das höchst problematische Verhältnis der Stadt Lüneburg zu den Verbrechen des Nationalsozialismus. Gerade jetzt darf die längst überfällige Debatte nicht im Keim erstickt werden, im Gegenteil bedarf genau diese Stellungnahme der Stadt einer kritischen Intervention.

Anfang Januar ging ein Video eines antisemitischen und völkischen Bloggers viral, in dem Dr. Scharf, stellvertretende Bürgermeister der Stadt Lüneburg, sich abfällig über einen kritischen Schriftzug auf dem Gedenkstein der 110. Infanterie-Division und die erinnerungspolitische Arbeit verschiedener Gruppen an der nationalsozialistischen Vergangenheit Lüneburgs ausließ.

Die 110. I.D. war eine in Lüneburg stationierte Einheit der Wehrmacht, die 1944 in Kriegsverbrechen ungeheuren Ausmaßes im Raum Ozarichi in Weißrussland involviert war. Binnen einer Woche wurden dort nicht weniger als 9000 in Lagern zusammengetriebene Zivilist*innen ermordet. Vorwiegend Frauen und Kinder sowie alte und kranke Menschen wurden, im Freien mit Stacheldraht eingezäunt, der Kälte, dem Hunger und Infektionen ausgesetzt. 33.000 überlebende Zivilist*innen konnten aus den Arealen ohne Gebäude oder sanitäre Einrichtungen von der Roten Armee befreit werden. Nicht zu Unrecht kann diese Tat, als »(…) eines der schwersten Verbrechen der Deutschen Wehrmacht gegen Zivilisten überhaupt.« (Dieter Pohl)  bezeichnet werden.

Der Gedenkstein, an dem sich Dr. Scharf und der rechte Blogger angeblich zufällig begegneten,  ist ein Ehrenmal für die Gefallenen dieser 110. I.D.. Der Stein steht nicht im Kontext der begangenen Verbrechen, sondern pflegt den Mythos einer sauberen Wehrmacht durch den positiven Bezug auf die Division. Die Verbrechen der 110. I.D. wurden zur Zeit der Errichtung des Ehrenmals 1960 von der Stadt keinesfalls thematisiert, sondern unter den Teppich gekehrt. Diese politische Linie kann man bis in die jüngste Zeit weiterverfolgen. Die aktuellen erinnerungspolitischen Interventionen versuchen diesen Mythos zu durchbrechen und die Gräueltaten der Wehrmacht in das öffentliche Bewusstsein der Stadt zu rücken. Dr. Scharf delegitimiert mit seinen Aussagen genau diese Arbeit, redet die kriegsverbrecherischen Taten klein und will über einen versöhnenden Abschluss mit den Verbrechen den positiven Bezug auf die Division aufrechterhalten. Seine geschichtsrevisionistischen Aussagen wurden von den erinnerungspolitischen Akteuren Lüneburgs kritisiert und seine Abberufung wurde gefordert. In einer Ratssitzung der Stadt Lüneburg am 01.02.2018 wurden seine Aussagen von einigen Parteien zwar kritisiert, von Seiten der CDU allerdings in Schutz genommen und der Antrag auf Abberufung wurde nach einer geheimen Abstimmung abgelehnt. In dieser Sitzung entschuldigte sich Dr. Scharf, weigerte sich aber zurückzutreten. Angesichts der Eindeutigkeit seiner Aussagen im Video kann die Entschuldigung nur ein taktisches Zurückrudern darstellen. Ebenso lässt sich der Großteil der lokalpolitischen Stellungnahmen einzig als Ruf nach sozialem Frieden und Normalisierung lesen – Zustände, die durch Dr. Scharfs nicht widerrufbare Worte „gestört“ wurden. Mit diesen Äußerungen und politischen (Nicht-)Maßnahmen stellt sich der Stadtrat in die Kontinuität eines zu kritisierenden Umgangs mit Erinnerungskultur in Lüneburg.

Lüneburger Zustände

Für Deutschland scheint die Versöhnung mit der Vergangenheit abgeschlossen. Spätestens in den 1980er Jahren wurde begriffen, dass es vorteilhaft für die Rehabilitierung einer deutschen Identität ist, sich rege an die NS-Verbrechen zu erinnern. Dies führte oftmals viel mehr zu einem massiven Verdrängen des Geschehenen durch das gute Gewissen, der Opfer gedacht zu haben, als zu einem kritisch-reflexiven Selbst- und Geschichtsverständnis. Das Erinnern wurde somit zum Instrument für die „Wiedergutwerdung der Deutschen“ und „Erinnerung in Deutschland zur höchsten Form des Vergessens“ (Eike Geisel). Die Lüneburger Zustände stehen hingegen „unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt.“ (Karl Marx).  Wollte man an den Lüneburgerstatus quo anknüpfen, wenn auch in einzig angemessener Weise, d.h. negativ, immer bliebe das Resultat ein Anachronismus. Selbst die rege Erinnerung an die NS-Verbrechen findet sich schon als bestaubte Tatsache in der historischen Rumpelkammer der Bundesrepublik, während in Lüneburg noch die Verbrecher selbst geehrt werden.

Die Geschichte des Ehrenmals für die 110. I.D. ist ein gutes Beispiel für so geartete Verhältnisse. So waren ehemalige Wehrmachtssoldaten in den 1950er und 60er Jahren Mitglieder im Stadtrat, u. a. ein „110er“, Hans Horch, der 1956 die erste Veteranenversammlung der 110. inklusive Schweigemarsch, Kranzniederlegung und dem Hochhalten der Reichkriegsflagge der Division in Lüneburg organisierte. Die Stadt wusste das überschwänglich zu begrüßen. Oberstadtdirektor Böttcher, ein ehemaliges NSDAP Mitglied, legte  als Repräsentant für die Stadt einen Kranz nieder und sprach: „Sie [die 110. I.D.] starben für Deutschland, für das ganze Deutschland. Ehre ihrem Andenken!“ (LZ v.  3.4.1956) Die Stadt stand damals unter Führung des lokalen Vorsitzenden der rechtsradikalen Deutschen Partei, aus der 1964 die NPD hervorging, Oberbürgermeister Gravenhorst, wie Bötcher gleichfalls Ex- Wehrmachtsoffizier. Es entstand eine enge Zusammenarbeit zwischen der neu gegründeten Bundeswehr in der Scharnhorstkaserne – ehemaliger Aufstellungsstandort auch der 110 I.D. – der Stadt und dem Veteranenverband. Zwei Jahre später,1958, begrüßte der damalige Oberbürgermeister Wilhelm Hilmer (SPD) beim nächsten Treffen der 110. I.D. die Veteranen und „hob die vorbildliche Kameradschaftspflege der 110. Infanterie-Division hervor.“ (LZ v. 9.6.1958). Im Jahre 1958 hielt Ex-Generalleutnant und -Kommandeur der 110. I. D. Martin Gilbert im Fürstensaal des Rathauses der Stadt Lüneburg u.a. vor Oberbürgermeister, Oberstudiendirektor und Traditionsverband eine Rede, die der Reinwaschung der Einheit diente. In der von ihm erzählten Geschichte der 110. ID sagte er am 7. 6. 1958 im Fürstensaal des Rathauses: „Der Kern der Einheit, deren Schicksal uns verbindet, war sauber, klar und echt wie Gold. Ich darf es aus eigenem Erleben und eigener Vergleichsmöglichkeit, dass die 110. Infanterie-Division die Verkörperung besten deutschen Soldatentums leistungs- wie gesinnungsmäßig von erster bis zur letzten Stunde gewesen ist.“ Vor dem Hintergrund dieser Geschichtsklitterung und der Zusammenarbeit zwischen ehemaligen Wehrmachtsoffizieren in Stadt und Traditionsverband, nicht zu vergessen der Landeszeitung, mit Lokaljournalisten und dem späteren Chefredakteur Pleß – gleichfalls ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier – entstand die Idee für das Ehrenmal und im Oktober 1960 wurde dieses schließlich aufgestellt und unter höchster Ehrerbietung der 110. I.D. in die Obhut der Stadt übergeben. Die Thematisierung der perfiden Verbrechen der 110. I.D. und eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fanden in keiner Weise statt. Bis 2017 wurden die Verbrechen der Division von der Lüneburger Staatsanwaltschaft nicht einmal anerkannt. Einzig zivilgesellschaftliche Akteure setzten sich immer wieder in mühseliger Konfrontation mit der Stadt dafür ein, diese Kriegsverbrechen historisch zu beleuchten und öffentlich zu thematisieren.

2014 wurde diesem Denkmal schließlich eine „erklärende Tafel“ im Rahmen des sogenannten Friedenspfads hinzugefügt. Bauwütige und friedensbewegte Akteure der „Friedensstiftung Manzke“ ließen sich hier zu weiterer Geschichtsklitterung hinreißen. Anstatt eines Hinweises auf die Verbrechen der 110. I.D. wurde auf der Tafel zuerst mit falschen Opferzahlen der toten Nazis gedacht, die Division wieder einmal relativiert und unter dem Feigenblatt des „sozialen Friedens“ die Wehrmacht geehrt.  Die ausführlicher klitternde Tafel, die später an die Stelle gestellt wurde, spricht zwar auch von Ozarichi, weiß aber weiterhin – in jetzt komplementär erinnernder Friedensgesinnung -, den im „Schlachteninferno“ gefallenen Wehrmachtssoldaten Ehre zu erweisen.

Diese Geschichte des Ehrenmals bezeugt auf verstörende Weise, wie tiefgreifend die Lüneburger Stadtpolitik mit Ehrung mit einer Glorifizierung der Vergangenheit verbunden ist. Für weitere Beispiele dieser „Lüneburger Linie“ muss man nicht lange graben. Zu nennen wären beispielsweise die vielen anderen Lüneburger Ehrendenkmäler für die Wehrmacht – allen voran das Ehrenmal für das NS-Kampfgeschwader 26, einem Verband der Luftwaffe, der unter der Leitung von Wolfram von Richthofen in Lüneburg aufgebaut wurde. Von Richthofen war verantwortlich für das Bombardement von Guernica, aber auch die Bombardierung von Wielun und Warschau in Polen, Belgrad in Serbien und Iraklion auf Kreta, durch die Legion Condor; einer Fliegereinheit, der viele Lüneburger angehörten, die später gemeinsam mit Richthofen als KG 26 agierten. Das Ehrenmal für diese Lüneburger Täter des sogenannten „Löwengeschwaders“ wurde aufgrund von Angst vor „öffentlicher Polarisierung“ 2002 in die Theodor-Körner-Kaserne verlegt. Weitere Beispiele für die lokalspezifischen Besonderheiten im Lüneburger Umgang mit Erinnerungskultur stellen die (Nicht-) bzw. Falschberichterstattung der lokalen Presse (besonders die der Lüneburger Landeszeitung) und die Nicht-Würdigung und Erschwerung der unermüdlichen Arbeit, die Antifaschist*innen vor Ort erbringen, dar. Die politische Linie, die Lüneburg bestimmt, fällt hinter alle auch nur halbwegs bemühten Anfänge zur Aufarbeitung zurück. Es bleibt natürlich weiterhin zu problematisieren, wie man in anderen Fällen städtischer oder staatlicher Seite die Deutungshoheit über vergangene Verbrechen übertragen hat, was immer wieder zu nationalem Opfergestus, „betonierter Aufarbeitung“ und reiner Selbstvergewisserung einer deutschen Identität geführt hat. Trotz allem erstaunt die absolute Ignoranz, welche die Stadt Lüneburg jeglicher erinnerungspolitischen Arbeit gegenüber an den Tag gelegt hat. Es brauchte erst eine Causa Scharf, und damit die seltene Bedrohung durch eine öffentliche Empörung, um die Idee städtischer Unterstützung für eine reflektierte Erinnerungskultur ins Rathaus zu tragen. Der gesamte Diskurs wird dabei von einem Vokabular bestimmt, das relativierend auf einen Abschluss des Konfliktes drängt. Als „Generationenfrage“ (Stellungnahme Verwaltung Stadt Lüneburg) erscheint Thematisieren und Gedenken der Nazi-Verbrechen variabel und hinfällig. In dieser Stellungnahme verweist die Stadt des Weiteren auf Gedenkaktionen, wovon die wenigsten auch nur Unterstützung vom Stadtrat erhalten haben. Ein festes Beharren auf dem Standpunkt, sich bezüglich Erinnerungskultur nichts zu Schulden kommen lassen zu haben, Wiederholungen vom Mythos der „guten Wehrmacht“, völlige Weigerung die Ehrendenkmäler von Massenmördern auch nur in Frage zu stellen – all diese lokalpolitischen Originalitäten gilt es öffentlich anzuklagen!

Es kann keinen Abschluss geben

Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen.“  (Adorno, AdV, 2003, S. 555).

Wie die ersten Wochen dieses Jahres gezeigt haben, fällt es in Lüneburg nur zu leicht von Versöhnung daher zu lamentieren, ohne dass das als Problem empfunden wird. Sobald die Ratssitzungen beendet und die kurzweilige mediale Berichterstattung abgeklungen ist, stellt sich die allgemeine Hoffnung ein, es möge so schnell wie möglich wieder Gras über die Sache wachsen. Ein „Ausrutscher“, eine Äußerung „eines in die Falle gelockten“ alten Mannes sollte zugunsten des normalen versöhnlichen Stadtklimas doch schnell zu vergessen sein. Aber schon einfache Menschlichkeit sollte es uns verbieten, je eine solche Versöhnung zuzulassen. Weder hat sich durch die angestoßene Debatte ein Richtungswechsel angekündigt, der eine stadtpolitisch gestützte, tatsächlich täterorientierte Auseinandersetzung mit Erinnern in Lüneburg bedeuten würde, noch ist der „Normalzustand“ deutscher Erinnerungskultur in der Lage, die Verantwortung, die wir alle bezüglich der Entwicklung unserer Gesellschaft tragen, zu vermitteln, ohne in positive deutschtümelige Opfer-Metaphorik umzukippen.

Einem Gedenken des Schicksals der Täter muss ein Ende gesetzt werden zugunsten eines Gedenkens ihrer Opfer und einer Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen, welche die Taten ermöglichten.

Jene Voraussetzungen bestehen fort und das Problem des Rechtsradikalismus bleibt, wie die Stadtgeschichte und die aktuellen Ereignisse belegen, auch nach 1945 bestehen. So zeigt der Einzug der AfD in den deutschen Bundestag exemplarisch, wie geschichtsrevisionistische Forderungen nach einem Abschluss mit der deutschen Vergangenheit und dem Abbruch von erinnerungspolitischer Arbeit wieder konsensfähig geworden sind. Mit dem Berufen auf Meinungsfreiheit, geschickter Verkehrung von Tätern und Opfern, Enthistorisierung oder der glatten Leugnung von historischen Tatsachen schaffen es Rechte nur allzu oft, auf offene Ohren zu stoßen. Hier gilt es, diese propagandistischen Phrasen und Tricks, mit „durchschlagender Kraft der Vernunft dingfest zu machen“ (Theodor W. Adorno), wo sie uns begegnen: ob in verschwörungstheoretischen Videos, auf Lüneburger Straßen oder in der Stadtratssitzung. Gerade in Lüneburg, wo die öffentliche Seite sich seit Jahrzehnten weigert, sich der eigenen nationalsozialistischen Geschichte mit beispielsweise der Anfertigung einer Gesamtdarstellung zu stellen, wo Ehrendenkmäler an jeder Ecke stehen, die unkommentiert oder – fast schlimmer – falsch und relativierend kommentiert, Opfer behaupten, wo es Täter zu suchen gilt – gerade hier sollten wir uns dafür einsetzen, eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit anzustreben, die keinen Abschluss kennt, die den Opfern gedenkt und die Gesellschaft anruft. Dazu gehören konkrete und vernünftige Kontextualisierung der Denkmäler und Entschädigungszahlungen an die Opfer genauso, wie die Unterstützung der Erinnerungsarbeit, die Antifaschist*innen vor Ort leisten.

AK Unbehagen in der Struktur

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